Der Fastenkampf ist für uns nun vollbracht. Er hörte auf am Kreuz. Wo anders hätte der Sieg seine Vollendung finden sollen als am Siegeszeichen Christi? Denn Christi Siegeszeichen ist das Kreuz. Wenn ich auch noch unzähliges andere über Christus sagen könnte, so rühme ich mich all dessen nicht so wie des Kreuzes.
Was ist also heute geschehen? Es war bereits Dämmerung und eben gegen Morgen zu, da wird Jesus in das Prätorium des Pilatus geschleppt, mit gefesselten Händen. Diese Hände haben Blinde geheilt und Lahme gesund gemacht. Nun waren die Finger zusammengeschnürt, mit denen Augen gebildet worden waren. Der für die Natur gesorgt hat, wurde festgehalten, damit er nicht sein eigenes Kunstwerk vollenden konnte. So wird dem Herrn vergolten. Gebunden war er, der die Wasser im Gewölk bindet, der Gefangenen Freilassung schenkt. Gebunden war, der Lazarus aus den Banden des Todes befreit hatte. Dem Pilatus wurde vorgeführt, der den Himmel zum Thron hat. Ergriffen und festgehalten wurde der Schöpfer von seinen Geschöpfen, der Bildner von seinem Gebilde, der Meister von seinem Werk.
Der Richter der ganzen Welt wartete also auf das Gericht. Und Menschen saßen zu Gericht. Gott aber stand; er stand und schwieg. An den Türschwellen der Menschen stand der Herr über die Himmelspforten. Jesus schwieg, nicht weil das Wort um das Wort verlegen war, sondern um nicht durch die Antwort den Siegeskranz des Kreuzes preis zu geben.
Pilatus sprach: „Ich finde keine Schuld bei ihm.“ Nicht nur du nicht, Pilatus, sondern auch die anderen nicht, aber auch nicht die Blinden und die Toten, nicht Sonne und Mond, nicht das Weltall und nicht alle Gerechten, Propheten und Martyrer! Sagt doch einer ihrer Propheten: „Er tat keine Sünde, und in seinem Mund wurde kein Trug gefunden.“ Alle stimmen mit Pilatus überein und geben so ein gerechtes Urteil ab.
„Da erwiderten sie ihm: Wir haben ein Gesetz, und nach unsrem Gesetz muss er sterben!“ Welches Gesetz? Durch welche Sprüche wird es bestätigt? Vielleicht durch folgende: „Wie ein Schaf wurde er zur Schlachtbank geführt, und wie ein argloses Lamm, das stumm bleibt vor seinem Scherer, so öffnet er seinen Mund nicht. Wegen der Missetaten meines Volkes wurde er zum Tod geführt.“
Pilatus ging ins Prätorium hinein und kam mit Jesus heraus, der eine Krone trug und mit einem Purpurmantel bekleidet war. Er zeigte ihnen den Feind, der nunmehr eine Krone trug und mit einem Königsgewand bekleidet war. Was geschehen war, beruhte auf Übermut, war aber auch eine Anspielung auf das natürliche Königtum.
„Hinweg, hinweg, kreuzige ihn!“ – „Wollt ihr, dass ich euren König kreuzige?“ – „Wir haben keinen König“, sagen sie, „außer dem Kaiser.“ Ihr habt keinen König außer dem Kaiser? Wer hat euch denn in der Wüste geführt oder wer gab euch zu essen? Wen verkündet Mose, wenn er sagt: „Der Herr ist König für alle Zeit und immerdar“?
Er erhielt Schläge ins Gesicht, wurde angespuckt und gegeißelt. Doch er musste sich dessen keineswegs schämen. Stell dich zu Jesaja und betrachte Gott mit dessen Augen! Er sagt nämlich: „Wir sahen ihn, und er hatte nicht Gestalt noch Schönheit. Vielmehr war seine Gestalt unansehnlich, mangelhaft im Vergleich zu den Menschenkindern.“ Nicht Schönheit noch Gestalt hatte der Meister aller Schönheit. „Ein Mensch, geschlagen und geübt, Schwachheiten zu ertragen.“ Als Mensch, nicht als Gott. Denn es war der Mensch, der geschlagen wurde, nicht Gott. Wer ist nun dieser Vielgeplagte, der schmerzensreiche Spielball aller? Leidet er nicht etwa sogar mit Recht, was er leidet? „Dieser trägt unsre Sünden und leidet um unsret-willen.“ „Durch seine Striemen wurden wir geheilt.“
„Es wurden aber zwei Verbrecher mit ihm hinaus geführt.“ „Gedenke meiner“, sagte der eine, „wenn du in dein Königreich kommst.“ Welche Macht besaß Jesus! Der Räuber ist nunmehr ein Prophet, der vom Kreuz herab ausruft: „Gedenke meiner, Herr, wenn du in dein Königreich kommst!“ Was siehst du denn von einem König, Räuber? Schläge, Speichel, Nägel und das Kreuzesholz und die Spottreden und nun die blanke Lanze der Soldaten. Doch, sagt er, ich sehe nicht das Sichtbare. Ich sehe, wie die Engel ringsum stehen, die Sonne sich verdunkelt und der Vorhang zerreißt, wie die Erde zittert, wie Tote aus den Gräbern kommen. Jesus aber nimmt alle auf, auch die Propheten, die um die elfte Stunde kommen wie die Arbeiter, und gibt ihnen den Denar. „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Ich habe dich vertrieben, ich führe dich hinein, ich, der die Pforten des Paradieses verschloss, der es mit einem feurigen Schwert ummauerte. Komm her, Räuber! Du hast den Teufel beraubt und hast gegen ihn die Krone gewonnen; du hast einen Menschen gesehen und ihn als Gott angebetet; du hast die früheren Waffen weggeworfen und die Waffen des Glaubens ergriffen.
Während alles geheiligt wurde, als die Doppelquelle von Blut und Wasser sich ergoss, da vollbrachte Jesus seine Aufgabe. „Vater, vergib ihnen die Sünde!“ Vergib wem? Griechen, Juden, Fremden, Barbaren, einfach allen. Er sagt es von jedem Volk und sagt es immerdar, und wer will, dem wird vergeben.
Bleiben wir daher nüchtern und wachsam, damit wir mit den himmlischen Heerscharen zusammen das Fest feiern können, in Christus Jesus, unsrem Herrn, dem die Ehre sei und die Macht jetzt und immerdar und in alle Ewigkeit. Amen.



