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aus einer Predigt aus dem 4. Jahrhundert zum Karfreitag

Der Fastenkampf ist für uns nun vollbracht. Er hörte auf am Kreuz. Wo anders hätte der Sieg seine Vollendung finden sollen als am Siegeszeichen Christi? Denn Christi Siegeszeichen ist das Kreuz. Wenn ich auch noch unzähliges andere über Christus sagen könnte, so rühme ich mich all dessen nicht so wie des Kreuzes.
    Was ist also heute geschehen? Es war bereits Dämmerung und eben gegen Morgen zu, da wird Jesus in das Prätorium des Pilatus geschleppt, mit gefesselten Händen. Diese Hände haben Blinde geheilt und Lahme gesund gemacht. Nun waren die Finger zusammengeschnürt, mit denen Augen gebildet worden waren. Der für die Natur gesorgt hat, wurde festgehalten, damit er nicht sein eigenes Kunstwerk vollenden konnte. So wird dem Herrn vergolten. Gebunden war er, der die Wasser im Gewölk bindet, der Gefangenen Freilassung schenkt. Gebunden war, der Lazarus aus den Banden des Todes befreit hatte. Dem Pilatus wurde vorgeführt, der den Himmel zum Thron hat. Ergriffen und festgehalten wurde der Schöpfer von seinen Geschöpfen, der Bildner von seinem Gebilde, der Meister von seinem Werk.
    Der Richter der ganzen Welt wartete also auf das Gericht. Und Menschen saßen zu Gericht. Gott aber stand; er stand und schwieg. An den Türschwellen der Menschen stand der Herr über die Himmelspforten. Jesus schwieg, nicht weil das Wort um das Wort verlegen war, sondern um nicht durch die Antwort den Siegeskranz des Kreuzes preis zu geben.
    Pilatus sprach: „Ich finde keine Schuld bei ihm.“ Nicht nur du nicht, Pilatus, sondern auch die anderen nicht, aber auch nicht die Blinden und die Toten, nicht Sonne und Mond, nicht das Weltall und nicht alle Gerechten, Propheten und Martyrer! Sagt doch einer ihrer Propheten: „Er tat keine Sünde, und in seinem Mund wurde kein Trug gefunden.“ Alle stimmen mit Pilatus überein und geben so ein gerechtes Urteil ab.
    „Da erwiderten sie ihm: Wir haben ein Gesetz, und nach unsrem Gesetz muss er sterben!“ Welches Gesetz? Durch welche Sprüche wird es bestätigt? Vielleicht durch folgende: „Wie ein Schaf wurde er zur Schlachtbank geführt, und wie ein argloses Lamm, das stumm bleibt vor seinem Scherer, so öffnet er seinen Mund nicht. Wegen der Missetaten meines Volkes wurde er zum Tod geführt.“
    Pilatus ging ins Prätorium hinein und kam mit Jesus heraus, der eine Krone trug und mit einem Purpurmantel bekleidet war. Er zeigte ihnen den Feind, der nunmehr eine Krone trug und mit einem Königsgewand bekleidet war. Was geschehen war, beruhte auf Übermut, war aber auch eine Anspielung auf das natürliche Königtum.
    „Hinweg, hinweg, kreuzige ihn!“ – „Wollt ihr, dass ich euren König kreuzige?“ – „Wir haben keinen König“, sagen sie, „außer dem Kaiser.“ Ihr habt keinen König außer dem Kaiser? Wer hat euch denn in der Wüste geführt oder wer gab euch zu essen? Wen verkündet Mose, wenn er sagt: „Der Herr ist König für alle Zeit und immerdar“?
    Er erhielt Schläge ins Gesicht, wurde angespuckt und gegeißelt. Doch er musste sich dessen keineswegs schämen. Stell dich zu Jesaja und betrachte Gott mit dessen Augen! Er sagt nämlich: „Wir sahen ihn, und er hatte nicht Gestalt noch Schönheit. Vielmehr war seine Gestalt unansehnlich, mangelhaft im Vergleich zu den Menschenkindern.“ Nicht Schönheit noch Gestalt hatte der Meister aller Schönheit. „Ein Mensch, geschlagen und geübt, Schwachheiten zu ertragen.“ Als Mensch, nicht als Gott. Denn es war der Mensch, der geschlagen wurde, nicht Gott. Wer ist nun dieser Vielgeplagte, der schmerzensreiche Spielball aller? Leidet er nicht etwa sogar mit Recht, was er leidet? „Dieser trägt unsre Sünden und leidet um unsret-willen.“ „Durch seine Striemen wurden wir geheilt.“
    „Es wurden aber zwei Verbrecher mit ihm hinaus geführt.“ „Gedenke meiner“, sagte der eine, „wenn du in dein Königreich kommst.“ Welche Macht besaß Jesus! Der Räuber ist nunmehr ein Prophet, der vom Kreuz herab ausruft: „Gedenke meiner, Herr, wenn du in dein Königreich kommst!“ Was siehst du denn von einem König, Räuber? Schläge, Speichel, Nägel und das Kreuzesholz und die Spottreden und nun die blanke Lanze der Soldaten. Doch, sagt er, ich sehe nicht das Sichtbare. Ich sehe, wie die Engel ringsum stehen, die Sonne sich verdunkelt und der Vorhang zerreißt, wie die Erde zittert, wie Tote aus den Gräbern kommen. Jesus aber nimmt alle auf, auch die Propheten, die um die elfte Stunde kommen wie die Arbeiter, und gibt ihnen den Denar. „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Ich habe dich vertrieben, ich führe dich hinein, ich, der die Pforten des Paradieses verschloss, der es mit einem feurigen Schwert ummauerte. Komm her, Räuber! Du hast den Teufel beraubt und hast gegen ihn die Krone gewonnen; du hast einen Menschen gesehen und ihn als Gott angebetet; du hast die früheren Waffen weggeworfen und die Waffen des Glaubens ergriffen.
    Während alles geheiligt wurde, als die Doppelquelle von Blut und Wasser sich ergoss, da vollbrachte Jesus seine Aufgabe. „Vater, vergib ihnen die Sünde!“ Vergib wem? Griechen, Juden, Fremden, Barbaren, einfach allen. Er sagt es von jedem Volk und sagt es immerdar, und wer will, dem wird vergeben.
    Bleiben wir daher nüchtern und wachsam, damit wir mit den himmlischen Heerscharen zusammen das Fest feiern können, in Christus Jesus, unsrem Herrn, dem die Ehre sei und die Macht jetzt und immerdar und in alle Ewigkeit. Amen.

aus einer Predigt des (Pseudo-) Epiphanius (4. Jh.)

Der Herr trat ein in die Unterwelt mit dem Kreuz als Siegeswaffe. Und als Adam, der Urvater, ihn erblickte, schlug er sich staunend an die Brust und rief den anderen zu: Mein Herr sei mit euch allen! Christus antwortete und sagte zu Adam: Und mit deinem Geiste! Und er ergriff seine Hand und sprach: „Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dich erleuchten!“ Ich bin dein Gott, und um deinetwillen bin ich dein Sohn geworden.
    Deinetwegen und derer wegen, die von dir abstammen, sage ich nun und gebiete mit Macht denen, die in Fesseln waren: Richtet euch auf!, und denen in der Finsternis: Lasst euch erleuchten!, und den Schlafenden: Steht auf! Dir gebiete ich: Wach auf, du Schläfer! Ich habe dich doch nicht dazu geschaffen, dass du in der Unterwelt gefesselt bleibst. Steh auf von den Toten, ich bin das Leben der Toten. Steh auf, du Werk meiner Hände, steh auf, du meine Gestalt, nach meinem Bild und Gleichnis geschaffen. Steh auf und lass uns von hier wegziehen, denn du bist ja in mir, und wir beide zusammen bilden eine einzige und untrennbare Person. Um deinetwillen wurde ich, dein Gott, zu deinem Sohn. Um deinetwillen nahm ich, der Herr, Sklavengestalt an. Um deinetwillen stieg ich, der ich über allen Himmeln wohne, herab auf die Erde und unter die Erde. Für dich, den Menschen, wurde ich wie ein hilfloser Mensch, frei unter den Toten. Für dich, der du den Garten verließest, wurde ich im Garten den Juden ausgeliefert und im Garten gekreuzigt.
    Schau auf meinem Gesicht den Geifer, mit dem ich um deinetwillen bespuckt wurde, um dich an den früheren Ort der Freude zurück zu versetzen. Schau auf meinen Wangen die Spuren der Schläge, die ich ertrug, um dein zerstörtes Aussehen nach meinem Ebenbild wieder herzustellen. Schau auf meinem Rücken die Striemen der Geißelung, die ich hinnahm, um dir die Last deiner Sünden abzunehmen, die deinem Rücken aufgebürdet ist. Schau meine Hände, die sich als gerechte ans Holz nageln ließen um deinetwillen, der du deine Hände in Ungerechtigkeit nach dem Holz ausgestreckt hast. Schau meine Füße, die ans Holz angenagelt und durchbohrt wurden um deiner Füße willen, die in böser Absicht am sechsten Tag zum Holz des Ungehorsams hin liefen. An diesem Tag wurde sowohl das Urteil über dich gefällt als auch deine Wiederherstellung und die Öffnung des Paradieses durch mein Werk vollendet.
    Galle habe ich um deinetwillen getrunken, um dich zu heilen von der bitteren Lust, die du durch jene süße Speise genossen hast. Essig habe ich gekostet und den Trank, der der Natur zuwider ist, um die Schärfe deines Todes zu vernichten. Den Schwamm habe ich genommen, um den Schuldschein deiner Sünde auszulöschen. Das Rohr habe ich genommen, um dem Menschengeschlecht den Freiheitsbrief zu unterschreiben. Ich entschlief am Kreuz, und die Lanze durchbohrte meine Seite um deinetwillen, der du im Paradies schliefest und Eva aus deiner Seite entließest. Meine Seite heilte den Schmerz deiner Seite, und mein Schlummer führt dich nun aus dem Schlaf der Hölle hinaus. Mein Schwert bannt das gegen dich gezückte Schwert. So steh denn auf und lass uns von hier wegziehen.
    Der Feind entführte dich einst aus dem irdischen Paradies. Ich aber will dich nicht mehr ins Paradies, sondern auf einen himmlischen Thron setzen. Ich verbot dir einst den Baum des Lebens, der nur ein Gleichnis war. Aber sieh, nun bin ich selbst dir vereint als das Leben. Ich stellte Cherubim auf, um dich, wie es sich für einen Knecht ziemt, zu bewachen. Ich mache nun, dass Cherubim dich, wie es sich für einen Gott ziemt, verehren. Einst verbargst du dich nackt vor Gott, nun aber hast du den nackten Gott in dir selber geborgen. Du zogst das Kleid aus Fellen der Schande an. Ich aber, dein Gott, zog das blutige Kleid deines Fleisches an.
    Darum brecht auf, lasst uns von hier wegziehen, vom Tod zum Leben, von der Verwesung zur Unverweslichkeit, von der Finsternis ins ewige Licht. Steht auf, lasst uns aufbrechen vom Schmerz zur Freude, von der Knechtschaft zur Freiheit, vom Kerker ins himmlische Jerusalem, aus den Fesseln in die Freiheit, von der Gefangenschaft in die Freude des Paradieses, von der Erde zum Himmel. Denn dazu bin ich gestorben und auferstanden, um zu herrschen über die Lebenden und die Toten.
    Lasst uns aufbrechen und von hier wegziehen, denn mein himmlischer Vater wartet auf das verlorene Schaf. Die neunundneunzig Schafe der Engel harren auf ihren Mitknecht Adam: Wann er wohl aufsteht, wann er wohl auffährt und heimkehrt zu Gott? Ein Cherubimthron ist bereit, die Träger stehen und warten, das Hochzeitsgemach ist hergerichtet, die Speisen sind zubereitet, die ewigen Zelte und Wohnungen sind gerüstet, die Schätze alles Guten sind aufgetan, das Himmelreich ist vor allen Zeiten für euch bereitet. Was kein Auge je gesehen, kein Ohr gehört und was in keines Menschen Herz emporstieg: diese Güter erwarten den Menschen.
    Da der Herr dies und Ähnliches sagte, erhob er sich mit Adam, der mit ihm vereint war. Gleichzeitig erhob sich auch Eva, und viele Leiber, die seit langem gläubig entschlafen waren, standen auf und verkündeten die Auferstehung des Herrn nach drei Tagen. Mit welcher Freude, ihr Gläubigen, wollen wir Christus aufnehmen, ihn schauen und umarmen, mit den Engeln Chöre anführen, mit den himmlischen Geistern ein Fest feiern und Christus Ehre darbringen, der uns aus dem Verderben herausholte und uns das ewige Leben schenkte. Ihm ist die Ehre und die Herrschaft mit dem Vater, der keinen Anfang hat, und seinem heiligsten, überaus guten und lebenspendenden Geist: jetzt und immer und in die Ewigkeit. Amen.

Gregor von Nyssa
Über das Gebet des Herrn

Was bedeutet nun die Bitte: „Dein Reich komme!“  Soll dieses Wort etwa ausdrücken, dass der erst noch König werden muss, der von jeher der König des Alls ist, der immer schon ist, was er ist, während die ganze Schöpfung einer steten Veränderung unter-worfen ist? Er, der unveränderlich ist, kann doch keine größere Machtfülle finden als die, die ihm schon seit unvordenklichen Zeiten eigen ist! Was will also die Bitte, die nach dem Kommen des Reiches Gottes ruft? Den vollen Sinn dieser Bitte werden nur die erkennen, denen der Geist der Wahr­heit die verborgenen Geheimnisse enthüllt. Wir für unsern Teil haben etwa folgendes als Bedeutung dieser Bitte gefunden:  Es gibt eine einzi­ge Macht und Stärke, die das ganze Universum lenkt, die alles leitet und regiert, und zwar ohne Gewalt und Tyrannei, eine Macht, die we­der Furcht noch Zwang anwendet, um alles, was ihr untergeben ist, unter ihr Joch zu zwingen.  Die Tugend soll nämlich frei von Furcht sein und nicht geknechtet. Sie soll das Gute in freier Entscheidung wählen.  Das Wesen des Guten besteht aber stets in der Unterordnung unter jene Macht, von der alles Dasein und Leben stammt. Nachdem nun aber die menschliche Natur  sich von der Fähigkeit, das Gute zu erkennen, durch Täuschung hat abbringen lassen, und die Schwerkraft unsres Willens sich dem Verbotenen zuneigt, und das Leben des Men­schen allen Unvollkommenheiten unterworfen ist, kennt der Tod tau­send Wege und engt uns durch seine Gewaltherrschaft ein. Denn jede Erscheinungsform des Bösen wird ja gleichsam zu einem Weg, auf dem der Tod sich uns naht. Darum flehen wir, Gottes Reich und seine Herr­schaft mögen zu uns kommen.  Dem Sinn nach flehen wir also mit der Bitte: „Dein Reich komme!“: Rette mich vom Untergang, befreie mich aus dem Tod, löse mich aus der Zwangsherrschaft der Sünde! Denn wenn dein Reich anbricht, dann verschwinden Trauer und Leid; dafür kommen Leben, Freude und Jubel.

Vaterunser (23)

Tertullian
Über das Gebet

Der Gottesname „Vater“ war zunächst noch nicht offenbart worden. Auch Mose hatte diesen Namen nicht zu hören bekommen. Der Sohn aber hat  uns den Namen „Vater“ offenbart. Bereits der Name „Sohn“  enthält die Offenbarung des Vater-Namens. Er sagt: „Ich habe deinen Namen den Menschen of­fenbart.“ Und dieser Name soll geheiligt werden.  Das bedeutet nun nicht, dass wir Menschen etwa Gott etwas Gutes wünschen sollten. Das wäre ja so, als hätte Gott nicht schon al­les.  Es geht vielmehr darum, dass Gott an jedem Ort und zu jeder Zeit von jedem Menschen gepriesen werden soll, und zwar aus Dankbarkeit für die Wohltaten, die er jedem erweist. Es geht also um den Lobpreis Gottes.
    Gibt es aber eine Zeit oder einen Ort, an dem der Name nicht hei­lig und geheiligt wäre, und zwar aus sich selbst. Denn sein Name ist es ja, der alles andere heilig macht.  Die Engel, die ihn umgeben, hören nicht auf, ihm zuzurufen: „Heilig! Heilig! Heilig!“  Und wir, die wir ja dazu bestimmt sind, einst an der Seite der Engel zu stehen, sollen schon hier in der Welt diesen Lobpreis lernen. 
    Wenn wir bitten: „Geheiligt werde dein Name!“, dann bitten  wir, dass sein Name in uns geheiligt werde, denn wir gehören zu ihm, aber auch, dass sein Name in denen geheiligt werden, auf die Gottes Gnade noch wartet. Damit erfüllen wir auch sein Gebot, für alle, ja auch für unsre Feinde, zu beten. „Geheiligt werde dein Name“ heißt also: durch uns in allen.

Vaterunser (22)

Johannes Chrysostomus
Predigt 16 (zu Mt)

Geheiligt werde dein Name.“ – Das ist ein Gebet, das dem entspricht, der Gott seinen Vater nennt. Es ist ein Gebet, durch das die Ehre des Vaters jeder anderen Bitte voran­gestellt wird, ein Gebet, das alles andere dem Lobpreis Gottes unterordnet.  Heiligen bedeutet nämlich verherrlichen. Gott be­sitzt zwar die Fülle aller Herrlichkeit, die auch zu keiner Zeit weniger werden kann. Dennoch möchte er, dass wir im Gebet darum bitten, dass er auch durch unser Leben verherrlicht wird. Christus sagt an an­derer Stelle nämlich: „Euer Licht soll leuchten vor den Menschen, da­mit sie eure guten Werke sehen und euren Vater loben, der im Himmel ist.“ Von den Seraphim wissen wir, dass ihre Aufgabe die Verherrli­chung Gottes ist. Sie rufen: „Heilig! Heilig! Heilig!“ Seinen Namen hei­ligen bedeutet also: seinen Namen verherrlichen. Christus wollte damit sagen: Bittet darum, ihr so lebt, dass ihr den Vater mit eurem Leben verherrlicht. Es ist nämlich die Frucht vollkommener Lebensweisheit, ein so vorbildliches Leben zu führen, dass jeder, der es sieht, Gott dafür lobt und preist.

Vaterunser (21)

Gregor von Nyssa
Über das Gebet des Herrn 3,3

Das höchste und notwendigste Gut besteht darin, dass der Name Gottes durch mein Le­ben verherrlicht wird. Ich muss, so glaube ich, vor allem darum beten und das zur Hauptangelegenheit meines Gebetes ma-chen, dass der Name Gottes durch mein Le­ben nicht gelästert wird, sondern dass er verherrlicht und geheiligt wird.  Durch dich – so will der Herr sagen – soll mein herrlicher Name, den du anrufst, geheiligt werden, auf dass die Menschen deine guten Werke sehen und den Vater preisen, der im Himmel ist.  Wer könnte denn den Namen Gottes nicht preisen, wenn er einen Gottesgläubigen sieht, der ein Leben führt, das ganz lauter ist und von der Tugend getragen, das selbst jedem geheimen bösen Gedanken abgeneigt ist, das in seiner Keuschheit leuchtet und in seiner Klugheit ehrwürdig ist, das weder träge und weichlich noch stolz ist, ein Leben, das nur einen Reichtum kennt: die Tugend, ein Leben, das nur eine Ehre hat: die Verwandtschaft mit Gott, ein Leben, das nur eine Würde und Macht schätzt: die Sehnsucht nach Gott. Wer also betet: „Geheiligt werde dein Name!“, der sagt damit soviel wie: „Möchte ich doch mit dem Beistand deiner Gnade ein Mensch werden, der gottesfürchtig ist und gerecht, der die Wahrheit liebt und sich mit Weisheit schmückt, der das rechte Maß kennt, der vergänglichen Tand gering schätzt und nach dem trachtet, was oben ist.“ Dies und Ähnliches umfasst die kurze Bitte: „Geheiligt werde dein Name!“ Gott kann durch uns nämlich nicht anders verherrlicht werden als dadurch, dass unser Leben auf die göttliche Macht als auf die Ursache und Quelle des Guten  hinweist.

Texte zu Weihnachten (1)

eine Weihnachtspredigt des Bischofs Fulgentius von Ruspe

Wenn ich über das Fest, das wir heute feiern, sprechen will und dabei jenes eine Wort betrachte, über das ich zu euch reden will, dann finde ich keine Worte, die ausreichen würden, um das Thema meiner Predigt ganz auszuschöpfen.
    Denn es geht heute um jenes Wort, das nicht aufhört, geboren zu werden, das ständig hervorgebracht wird. Es ist nicht vergänglich, sondern ewig. Es ist vom Vater nicht geschaffen, sondern geboren. Es ist nicht nur vom Vater geboren, sondern sein einzig geborenes Wort. Der Vater hat ein einziges Wort aus sich selbst gezeugt. Durch dieses Wort hat er alles aus dem Nichts erschaffen.
    Die Schrift sagt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch es gemacht worden, und ohne es ist nichts gemacht worden.“
    Wie kann ich also Worte finden, die das, was ich sagen und wovon ich reden will, würdig und angemessen zum Ausdruck bringen? Als Mensch will ich von Gott sprechen, als Sterblicher vom Unsterblichen, als ein Vergänglicher vom Unvergänglichen, als das Geschöpf von seinem Schöpfer, als einer, der der Zeit unterworfen ist, vom Ewigen, als Gebilde aus Staub von dem, der alles aus dem Nichts erschaffen hat.
    Die Allmacht, mit der er uns in Güte erschaffen hat, ist nicht in Worte zu fassen. Gleiches gilt auch für seine Gnade, in der er sich über uns erbarmt und uns gerettet hat. Seine schöpferische Allmacht ist jene Macht, mit der er seine Schöpfung schafft und lenkt; seine rettende Gnade ist jene Macht, mit der er sein Leben für uns hingibt. Gottes Allmacht ist jene Macht, durch die das Wort, das im Anfang war und bei Gott war und Gott selbst war, alles erschaffen hat, was nicht war. Seine Gnade aber ist jene Macht, durch die das fleischgewordene Wort gekommen ist, um zu suchen und zu retten, was verloren war. Seine Allmacht ist jene Macht,  durch die er die Zeiten gebildet hat. Seine Gnade ist die Macht, in der er zu einer bestimmten Zeit empfangen und geboren wurde.
    Seht, wie groß die Gnade ist! Erkennt, was für ein Geschenk Gott den Menschen macht! Gott hat seine Liebe zu uns dadurch bewiesen, dass sein Sohn unsre Natur angenommen hat. Er, der eingeborene Gott, hat eine menschliche Seele und einen menschlichen Leib angenommen. Er, der die Speise der Engel ist, macht sich zum Brot für die Menschen. Er hat unsern Leib und unsre Seele angenommen: beide ganz, beide in Wahrheit, in Heiligkeit und in Reinheit. Unsre Seele hat er angenommen ohne Sünde, und unsern Leib hat er mit seiner Sterblichkeit angenommen. Unsre Seele hat er in Gerechtigkeit angenommen, um durch sie unsern Seelen die Gerechtigkeit wiederzugeben. Unsern Leib hat er in seiner Sterblichkeit angenommen, um durch sein Sterben in diesem Leib den Tod zu besiegen und aufzuerstehen, und darin wird er auch unsre Leiber wieder auferwecken. Das ist ein großes Geheimnis, ein großer Beweis der Liebe Gottes!
    Der Mensch hatte sich von Gott entfernt, er verachtete Gott. Doch Gott ist aus Liebe zu den Menschen zu uns gekommen. Er liebte den Ungerechten, um ihn gerecht zu machen. Er liebte den Kranken, um ihn gesund zu machen. Er liebte den Verkrümmten, um ihn aufrecht zu machen. Er liebte den Toten, um ihm das Leben zu schenken. Ja, so sehr hat der eingeborene Gott die Menschennatur geliebt, dass er sie nicht nur aus der Gewalt des Teufels befreite, sondern sie, indem er sie sich zu eigen machte, sogar höher als alle Engel stellte und zur Rechten des Vaters Platz nehmen ließ. Denn die Natur des Menschen, die durch den ersten Menschen in die Gefangenschaft des Teufels geraten war, herrscht nun im zweiten Menschen, der über alle Engel erhoben ist. Die menschliche Natur, die im ersten Menschen die Sünde in die Welt gebracht hat, hat im zweiten Menschen die Sünde der Welt hinweg genommen. Der erste Mensch von der Erde ist irdisch, der zweite Mensch vom Himmel himmlisch. Weil der Mensch auf klägliche Weise die Strafe für seine Sünde auf sich gezogen hatte, wurde der Gottmensch auf wunderbare Weise ohne Sünde geboren.
    So also hängen die Wege der Heil schaffenden Gnade Gottes zusammen: Damals kam der böse Engel zu Eva, damit der Mensch, den Gott erschaffen hatte, von Gott getrennt würde. Jetzt aber kommt der gute Engel zu Maria, damit in ihr der eingeborene Gott mit der menschlichen Natur vereinigt würde. Zu Eva kam der Teufel, um uns das Leben zu rauben. Zu Maria kommt Gabriel, um die Rückgabe des Lebens an die Menschen zu verkünden. Die Schuld des ersten Menschen war der Beginn der Herrschaft des Teufels über die Menschen. Die Gnade des zweiten Menschen war der Beginn der Überwindung der teuflischen Herrschaft. Durch den ersten Menschen hielt der Teufel uns in Knechtschaft, durch den zweiten musste er uns in die Freiheit entlassen. Der erste Adam war der Urheber der Schuld, der letzte Adam ist der Urheber der Gnade. Der erste Adam, der aus Erde gebildet war, brachte irdische Kinder hervor. Der neue Adam, der vom Heiligen Geist geboren war, hat uns zu Kindern des Himmels gemacht. Durch den alten Adam haben wir die frühere Gnade verloren, durch den neuen Adam haben wir noch reichere Gnade zurück erhalten. Der erste hat uns das Prägemal der Sünde aufgedrückt, mit der wir von Geburt an die Strafe leiden. Der zweite hat uns die Gnade der Rechtfertigung verliehen, damit wir wieder geboren werden zur Herrschaft. Der alte Adam hat uns zu Kindern dieser Welt gemacht, der neue Adam hat uns zu Kindern Gottes gemacht. Der erste Mensch hat uns durch seine Sünde dorthin geschleudert, wohin er zuerst gestürzt ist. Der zweite Mensch erhebt uns durch seine Güte an den Ort, zu dem er als erster aufgestiegen ist. Jener ist nämlich als erster in die Hölle gestürzt, dieser hingegen ist als erster in den Himmel aufgestiegen.
    Es ist wichtig zu wissen, dass wir am Tag der Geburt des Herrn zugleich auch die Botschaft vom Tag seiner Auferstehung hören sollen. Denn so, wie es Gottes Ratschluss war, für uns als Mensch geboren zu werden, so wollte er für uns als Mensch sterben und wieder auferweckt werden. In seiner Geburt feiern wir den Tag unsrer Heimsuchung, in seiner Auferstehung feiern wir den Tag unsrer Erlösung.
    Mit seiner Empfängnis im Mutterschoß hat der eingeborene Gott das Werk seiner rettenden Gnade an uns begonnen, und vollendet hat er es durch seine Auferstehung aus dem Grab. Durch seine Empfängnis im Mutterschoß hat er Anteil an unserm Tod genommen. Durch seine Auferstehung aus dem Grab hat er uns Anteil an seinem Leben geschenkt.
    Lasst uns jetzt also gemeinsam den Herrn bitten, dass er uns alle, denen er am Tag seiner Geburt die Freude schenkt, auch in Freude und Frieden zu jenem anderen Tag geleite und sein Volk im Glauben und in der Liebe behüte. Amen.

Vaterunser (20)

Gregor von Nyssa
Über das Gebet des Herrn 3,2

Geheiligt werde dein Name.“ – Welchen Wert hat diese Bitte denn wohl in meiner Not? Das wird so mancher fragen, der Gott um Hilfe anrufen will, weil er seine Sünden bitter bereut oder weil ihn eine schwere Versuchung hart bedrängt. Vor Augen steht ihm, wie ihn Zornausbrüche immer wieder den Verstand außer Fassung bringen, wie sinnlose Begierden die Spannkraft seiner Seele entnerven,  wie die Habsucht  das sonst doch klare Auge des Geistes mit Blindheit verschleiert, wie Neid und Stolz und die übrigen Feinde seiner Seele mit Macht angreifen.  Wer kann da nicht jene Worte gebrauchen, und ganz zu Recht, die David einst rief: „Rette mich aus der Hand derer, die mich hassen!“, oder: „Meine Feinde mögen zu Fall kommen!“, oder: „Gewähre uns, o Gott, deine Hilfe in unsrer Bedrängnis!“  Und es gibt noch viele solche Anrufungen, mit denen wir den Beistand Gottes gegen unsre Widersacher erflehen könnten. Doch was sagt dagegen das Gebet, das der Herr uns aufgetragen hat? „Geheiligt werde dein Name!“  Wie? Wäre es denkbar, dass der Name Gottes nicht heilig wäre, wenn wir nicht darum bitten würden?  Und brauchen wir überhaupt zu beten: „Dein Reich komme!“? Was gibt es denn, das dem Reich oder der Macht Gottes nicht unterworfen wäre? Gott, der – wie Jesaja sagt – mit seiner Spanne den ganzen Himmel umfasst, Gott, der die ganze Schöpfung auf seinen Händen trägt? Wenn also der Name Gottes immer schon heilig ist, und nichts sich seiner Herrschaft entziehen kann, wenn Gott alles beherrscht und an Heiligkeit nicht wachsen kann – warum bedarf es dann überhaupt der Bitte. „Geheiligt werde dein Name. Dein Reiche komme!“?

Vaterunser (19)

Gregor von Nyssa, Über das Gebet des Herrn 3.3

Das höchste und notwendigste Gut besteht darin, dass der Name Gottes durch mein Leben verherrlicht wird.  Ich muss, so glaube ich, vor allem darum beten und das zur Hauptangelegenheit meines Gebetes machen, dass der Name Gottes durch mein Leben nicht gelästert wird, sondern dass er verherrlicht und geheiligt wird.  Durch dich – so will der Herr sagen – soll mein herrlicher Name, den du anrufst, geheiligt werden, auf dass die Menschen deine guten Werke sehen und den Vater preisen, der im Himmel ist.  Wer könnte denn den Namen Gottes nicht preisen, wenn er einen Gottesgläubigen sieht, der ein Leben führt, das ganz lauter ist und von der Tugend getragen, das selbst jedem geheimen bösen Gedanken abgeneigt ist, das in seiner Keuschheit leuchtet und in seiner Klugheit ehrwürdig ist, das weder träge und weichlich noch stolz ist, ein Leben, das nur einen Reichtum kennt: die Tugend, ein Leben, das nur eine Ehre hat: die Verwandtschaft mit Gott, ein Leben, das nur eine Würde und Macht schätzt: die Sehnsucht nach Gott. Wer also betet: „Geheiligt werde dein Name!“,  der  sagt damit soviel  wie: „Möchte ich doch mit dem Beistand deiner Gnade ein Mensch werden, der gottesfürchtig ist und gerecht, der die Wahrheit liebt und sich mit Weisheit schmückt, der das rechte Maß kennt, der vergänglichen Tand gering schätzt und nach dem trachtet, was oben ist.“ Dies und Ähnliches umfasst die kurze Bitte: „Geheiligt werde dein Name!“ Gott kann durch uns nämlich nicht anders verherrlicht werden als dadurch, dass unser Leben auf die göttliche Macht als auf die Ursache und Quelle des Guten  hinweist.

Vaterunser (18)

Gregor von Nyssa, Über das Gebet des Herrn 3.2

„Geheiligt werde dein Name.“ – Welchen Wert hat diese Bitte denn wohl in meiner Not? Das wird so mancher fragen, der Gott um Hilfe anrufen will, weil er seine Sünden bitter bereut oder weil ihn eine schwere Versuchung hart bedrängt. Vor Augen steht ihm, wie ihn Zornausbrüche immer wieder den Verstand außer Fassung bringen, wie sinnlose Begierden die Spannkraft seiner Seele entnerven,  wie die Habsucht  das sonst doch klare Auge des Geistes mit Blindheit verschleiert, wie Neid und Stolz und die übrigen Feinde seiner Seele mit Macht angreifen.  Wer kann da nicht jene Worte gebrauchen, und ganz zu Recht, die David einst rief: „Rette mich aus der Hand derer, die mich hassen!“, oder: „Meine Feinde mögen zu Fall kommen!“, oder: „Gewähre uns, o Gott, deine Hilfe in unsrer Bedrängnis!“  Und es gibt noch viele solche Anrufungen, mit denen wir den Beistand Gottes gegen unsre Widersacher erflehen könnten. Doch was sagt dagegen das Gebet, das der Herr uns aufgetragen hat? „Geheiligt werde dein Name!“  Wie? Wäre es denkbar, dass der Name Gottes nicht heilig wäre, wenn wir nicht darum bitten würden?  Und brauchen wir überhaupt zu beten: „Dein Reich komme!“? Was gibt es denn, das dem Reich oder der Macht Gottes nicht unterworfen wäre? Gott, der – wie Jesaja sagt – mit seiner Spanne den ganzen Himmel umfasst, Gott, der die ganze Schöpfung auf seinen Händen trägt? Wenn also der Name Gottes immer schon heilig ist, und nichts sich seiner Herrschaft entziehen kann, wenn Gott alles beherrscht und an Heiligkeit nicht wachsen kann – warum bedarf es dann überhaupt der Bitte. „Geheiligt werde dein Name. Dein Reiche komme!“?

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