Wir dürfen das Wort in den Mund nehmen und im zutraulichen Freimut sprechen: „Vater unser im Himmel“. Es gibt deutliche Kennzeichen der Gottähnlichkeit, durch die wir Kinder Gottes werden können. Es heißt ja: „Allen, die ihn aufnahmen, gab er die Macht, Kinder Gottes zu werden.“ Es gibt aber auch deutliche Kennzeichen, mit denen jene behaftet sind, die das Abbild des Bösen an sich tragen. Diese Zeichen sind: Der Neid, der Hass, der Stolz, die Habgier, der krankhafte Ehrgeiz und ähnliche Eigenschaften. Wenn nun jemand, dessen Seele solche Einprägungen hat, „Vater“ ruft – was für ein Vater wird wohl auf ihn hören? Gewiss nur derjenige, der mit dem Rufer verwandt ist und dessen Merkmale er trägt. Darum erreicht nur das Rufen dessen, der sich von der Sünde losgesagt hat und ernsthaft nach dem Guten strebt, den guten Vater im Himmel.
Wenn wir also vor Gott hintreten, wollen wir zuvor unser Leben prüfen, ob wir etwas an uns tragen, das der Verwandtschaft mit Gott würdig ist. Nur in diesem Fall können wir den Mut fassen, so zu beten. Welchen Rat kann ich geben? Nach oben sollen wir schauen, wo Gott ist, und dort das Fundament unsres Heils legen, dort Schätze sammeln und dorthin die Wohnung unsres Herzens verlegen. Immer sollen wir auf die Vollkommenheit des Vaters blicken, und von diesem Blick her unsre Seele gestalten. „Vor Gott“, sagt die Schrift, „gibt es kein Ansehen der Person.“ Darum sei deine Seele frei von Neid, denn Neid und Stolz sind Leidenschaften, die die Schönheit des göttlichen Abbildes in dir entstellen. Bist du frei von ihnen, dann fürchte dich nicht, Gott mit vertrautem Namen anzureden und den Herrn des Alls deinen Vater zu nennen. Er wird mit väterlichen Augen auf dich herabsehen und dich wieder in das himmlische Vaterland zurück führen, durch Christus Jesus.
Vaterunser (12)
September 28, 2008 von justina
Gregor von Nyssa
Über das Gebet (2.2f.5)